Und damit jeder, der das hier liest auch die Vorgeschichte kennt, hier eine Zusammenfassung, mein 3-monatsbericht, den ich meiner Entsendeorganisation ICJA (Internationaler Kultureller (ehemals "Christlicher") Jugend Austausch) geschickt habe:
3 Monats Bericht
Am 10. August war es soweit: Ich flog nach Indien! Genauer gesagt von Frankfurt nach Mumbai und nach 3 Stunden Aufenthalt im Flughafengebäude in Mumbai weiter nach Bangalore. Ich war nicht alleine, sondern die ganze Zeit zusammen mit 10 anderen Freiwilligen, alle in meinem Alter, also gerade mit dem Abitur fertig, und einige kannte ich schon vom ICJA Camp in Deutschland. Spätabends in Bangalore dann, wurden wir draußen vor der Glaswand der Gepäckbandhalle von zwei jungen Indern mit einem Schild, auf dem ICDE stand, empfangen. Wir liefen mit ihnen zum Parkplatz, einer kletterte aufs Dach des weißen Busses und hievte all unser Gepäck hoch. Dann fuhren sie uns zu dem Ort, einem Ashramgelände namens Fireflies, außerhalb von Bangalore, an dem das Einführungscamp stattfand.

7 Tage lang kamen wir nicht aus diesem Ashramgelände im Dschungel heraus. Wir schauten abends DVDs auf einer Leinwand, beim Frühstück saßen Affen auf dem Dach, wir lernten ein paar Sätze in unserer Landessprache (in meinem Fall Tamil) zu sprechen und ein bisschen Theorie der indischen Kultur u.s.w. Am letzten Abend war es soweit, wir wurden in die freie Wildbahn entlassen und sahen auf der Busfahrt zu unseren Orten (in meinem Fall die Fahrt nach Ooty) das erste Mal etwas von Indien außer dem Flughafen und dem Ashram! Paul, Sarah und ich wurden am letzten Camptag von Manuel, einem Freiwilligen, der schon ein halbes Jahr da war abgeholt und fuhren mit ihm zusammen von Bangalore aus mit dem Bus nach zur Hillstation Ooty. Das Projekt der beiden Jungs war in Conoor, einen Ort davor. Die Chefin, Madam genannt, war gerade unterwegs als wir ankamen und wir wurden zwar freundlich begrüßt von den Frauen im Frauenhaus, aber so wirklich wusste niemand wer wir waren und wozu wir gekommen waren. Nur die Sekretärin im Büro konnte ein paar Brocken Englisch und hatte gewusst, dass wir kommen. Sie zeigte uns unsere Wohnung im Nachbarhaus, in der wir zu zweit verhältnismäßig mehr Platz hatten, als die Frauen zusammen im Frauenhaus. Wir haben ein von unseren Vorgängerinnen ganz in rosa gestrichenes Zimmer mit zwei Betten, einem Metallschrank, einem in die Wand eingelassenen Regal, einem Tischchen auf dem ein Fernseher steht und schön geformte Gitter vor den Fenstern. Vor dem Zimmer, wenn man von draußen zur Türe reinkommt ist ein Eingangsraum, mit einem großen und einem kleinen in die Wand eingelassenem Regal und einer Ablage mit eingelassenem Spülbecken. Jetzt stelle ich mein Fahrrad da hinein. Wir haben ein indisches Klo (Loch mit geriffelten Keramikflächen daneben zum draufstehen, Wasserhahn und Eimer) und ein indisches Bad, ein ganz leerer, gekachelter Raum mit Wasserhahn an der Wand, einem Eimer und einem Messbecher zum Duschen. Um warmes Wasser zu bekommen, hängen wir eine halbe Stunde lang einen Heizstab in den Wassereimer.
Essen tun wir mit den Frauen im Frauenhaus. Wir sitzen auf dem Boden und essen mit den Händen. Der August und September waren sehr lockere Monate.

Morgens den kleinen Whitnesh, den Sohn einer Frau im Frauenhaus, zur Schule in der Ooty Innenstadt bringen. Dort eine Stunde lang unterrichten. Danach zwei Tage die Woche in einer Waisenhausschule unterrichten, eine Schulstunde lang und die anderen zwei Tage die Woche in einer Schule für sehr arme Kinder, die aus einer üblen Gegend am Rande des Ooty Lakes kommen und deren Ortsteil aussieht wie ein Slum mit den ganzen kaputten, mit Planen geflickten Häusern. Neben der Schule ist ein Wineshop vor dem betrunkene Männer herumhängen und ein Friedhof, makaber aber wahr: auf dem immer Leute sind, die neue Gräber schaufeln. Das ist die Schule in Kandal, in der wir heute unterrichten. Ab und zu fiel die Schule aus und wir fuhren im indischen Krankenwagen hinten drin mit dem roten Kreuz mit, zu Rot- Kreuz Veranstaltungen. Häufig waren es langweilige Sitzungstreffen auf Tamil und wir waren eher repräsentativ als weiße Freiwillige dabei und mussten einmal während dem Programm aufstehen und winken und dafür gab es immer sehr leckeres Essen und wir lernten immer nette Leute kennen. Einmal war es anders und wir fuhren vom roten Kreuz aus mit einer Gruppe Social Work Studenten aus Chennai mit dem Bus mit von Dorf zu Dorf im Nilgiris Distrikt und veranstalteten in einer Schule und an zwei öffentlichen Plätzen in Dörfern Health Camps. Das war total interessant, hat Spaß gemacht, die Studenten waren in unserem Alter und waren total nett und engagiert und ich kam mir nützlich vor. Ein Arzt untersuchte die Leute und verteilte kostenlose Medikamente, in der Schule wurden kostenlose T-Shirts, Stifteboxen und Traubenzucker verteilt und die Studenten hatten ein komplettes Programm vorbereitet mit Theaterstück, einer Muppetshow, Musik und einem Tanz den die Kinder mitmachen konnten. Sarah und ich konnten helfen die Kinder zum mitmachen zu animieren und uns einfach mit ihnen unterhalten, damit ihnen der ganze besondere Tag, samt Message wie z. B. putzt euch die Zähne, wascht euch regelmäßig, was gesundes Essen ist,… im Kopf blieben, weil es ihnen einfach gut gefallen hat.
Ansonsten hingen wir in den ersten zwei Monaten etwas in der Luft, weil wir nicht richtig wussten, was unsere Aufgaben sind, weil alles was wir taten, nicht wirklich gebraucht zu werden schien. Auch wenn wir mal fehlten fiel es gar niemandem auf und der voll gestopfte Arbeitsplan, den wir zu Beginn bekommen hatten, stellte sich bald als heiße Luft heraus. Wir hatten nicht viel zu tun. Wenn wir laut Plan in die Office sollten um den Frauen Computer zu unterrichten waren entweder gar keine Frauen da oder nur zwei und die luden uns zum Tee ein und wussten von nichts und es war ihnen nach 10 Minuten genug Unterricht. Auf dem Plan stand, wir sollten nähen unterrichten und ich musste gar niemandem erklären, dass ich selbst nicht gut nähen kann- Wir mussten nie jemandem nähen beibringen.
Eine Woche im Monat, zogen wir ins Altenheim in Gudalur, einem Dorf etwas tiefer gelegen als Ooty. Auch dort mussten wir uns selbst Arbeit suchen, wenn wir welche wollten. Und die Leute konnten kein Englisch. Wir versuchten mit den Leuten Ball zu spielen, aber die alten Leute wollten nicht Ball spielen. Nur einer, und mit ihm und den Nachbarskindern spielte ich dann eben den ganzen Tag lang. Das einzige was wir tun sollten war mithelfen, Gemüse zu schneiden. Aber auch wenn es sehr ruhig zuging und uns von der Köchin außer Gemüse zu schneiden nichts zugetraut wurde, nicht einmal Essen servieren, mochte ich die alten Leute und das Dorf Gudalur sehr. Einmal kaufte ich ganz viel Obst, weil sie das nie bekamen (und ich auch nicht) und machte allen zusammen eine riesige Obstplatte. Und das Mädchen für alles im Altersheim und ein paar süße, alte Frauen, die ein paar Brocken Englisch sprechen konnten, brachten mit Tamil bei.

Ende September, in den Schulferien, sind wir dann das erste Mal in den Urlaub, zusammen mit einer ganzen Gruppe anderer Freiwilligen Wir fuhren mit dem Zug nach Kerala, wo wir die anderen trafen, dann nach Goa. Weite Strecken mit dem Zug zu fahren bin ich mittlerweile gewöhnt. Es war aber auch gar nicht so schlimm, weil es sehr bequeme Liegen in den Schlafabteilen gab und man darf an der offenen Zugtüre sitzen und die Füße rausbaumeln lassen und zusehen wie sich die Landschaft verändert und das Meer immer näher rückt und dabei die Nase in den Wind strecken. Nach dem Urlaub taten Sarah und ich uns zusammen und zogen auf eigene Faust los, um Arbeit zu suchen. Wir wollten ein Projekt finden, in dem wir den ganzen Tag arbeiten können damit unser Tag nicht mehr so zerstückelt ist, und wir mehr Zeit mit Arbeiten als mit von Arbeit zu Arbeit reisen verbringen. Wir redeten auch mit Shila und der Madam und es kam heraus, dass es kein Problem für die Schulen war wenn wir den ganzen Tag unterrichten. Seit Oktober bis jetzt, 16. Dezember, machen wir das nun. Wir unterrichten ganztägig, von 10 Uhr bis 16 Uhr in der Grundschule in Ooty im Ortsteil Kandal, vom Kindergarten bis zur 5. Klasse.

Es macht Spaß und ist aber auch sehr anstrengend. Was Spaß macht ist, dass die Kinder sich immer so freuen. Wenn ich in die Klasse komme jubeln sie immer, und wenn sie begeistert sind von einem Spiel oder einem Lied, dann macht mir das unterrichten natürlich auch total Spaß. Anstrengend ist, dass in einer Klasse immer 50 Kinder sind und irgendwer immer redet und wenn nicht dann einer von der Klasse im Nebenraum und man hört alles durch die dünnen Wände. In meiner Schule werden die Kinder mit dem Stock geschlagen, aber nicht allzu stark. Auch das Unterricht vorbereiten ist ganz schön anstrengend, und basteln ist nicht möglich, weil ich nicht für 50 Kinder das ganze Material selbst kaufen will. Darum muss ich mir immer überlegen was sich machen lässt. Zum Beispiel etwas falten anstatt zu schneiden. Auch macht es den Kindern natürlich am meisten Spaß (und somit mir auch) wenn sie weder unter noch überfordert werden. Aber niemand sagt mir, was sie schon können und auf welchem Stand sie sind. (Bzw. auf welchem Stand die meisten sind, denn innerhalb einer Klasse kann es bei 50 Schülern große Unterschiede zwischen dem Wissensstand der Kinder geben).
Heute und morgen unterrichte ich im LKG (Kindergarten) weil alle anderen Klassen ihre Halbjahresexams schreiben. Ich merke, dass es mir auch gut gefallen hätte, mit geistig behinderten Kindern zu arbeiten, die zwei behinderten Kinder im Kindergarten finde ich supersüß. Übermorgen fängt das Midyearcamp an. Sarah und ich fahren Freitagmorgen los nach Mysore, wo wir uns um 16 Uhr am Busbahnhof einfinden sollen.
Bis dahin erstmal,
Tatjana
1 Kommentar:
Hei Tati,
schön was von Dir zu lesen!
Wäre auch viel lieber in Indien als hier in Heilbronn im Büro!!!
Grüsse von
Micha Müller
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