Dienstag, 16. März 2010

Im Altersheim und danach

Gudalur




ein indischer Muelleimer








Vor inzwischen 2 Wochen war ich mal wieder für eine Woche im Altersheim.
Dieser Eintrag wird wohl relativ kurz werden, denn im Altersheim geht es immer sehr ruhig zu und es passiert nicht viel. Aber gerade das ist sehr entspannend mal eine Woche lang.
Morgens stehen die Alten immer schon um 5 Uhr auf und werkeln irgendetwas vor meiner Türe herum. Um 6.30 Uhr geht der Fernseher an und sie schauen irgend so eine Bet-Sendung.
Das höre ich sehr laut, denn ich bin in dem Zimmer hinter dem Fernseher und die Wand ist dünn und die Alten hören ja auch nicht mehr so gut. Ich bleibe wach liegen bis um 7 Uhr, dann wasche ich mich und putze mir die Zähne (in Indien putzt man sich vor dem Essen die Zähne). Um 8 Uhr gibt es Frühstück. Dann wird gebetet (vor jedem Essen: Ireiva, Indre, Engalukke,..- Segne, Gott, alle Menschen, dann kommt: auf der Erde,..)



Ich soll mich immer hinsetzen und mit den alten Leuten zusammen essen, dabei will ich doch mithelfen und genau so behandelt werden wie ein Mitarbeiter- dieses Mal war es besser: Die Köchin war für 3 Tage ausgeflogen und konnte mir nicht verbieten, mitzuhelfen das essen zu servieren. Sie meint immer ich gebe allen zu viel Gemüse…ich hätte tatsächlich gerne mehr Gemüse… Eine Frau zeigte mir wie viel jeder bekommt: Ein Schüsselchen voll Sambar und ein Löffelchen Gemüse und so verteilte ich es dann. Nach dem essen legen sich einige Leute wieder ein bisschen hin, oder setzen sich raus und lesen die aktuelle Tageszeitung auf Tamil. Jeder Tag ist im Altersheim so entspannt wie in den Ferien. Nach und nach versammeln sich die Frauen auf der Terasse vor der Hintertüre und schnippeln das Gemüse für das Mittagessen oder sieben den Reis (sie haben eine große Kehrschaufel und laden da etwas Reis drauf, dann schütteln sie den Reis kräftig, dabei gehen die Schalen ab, und werfen ihn hoch, die leichteren Schalen fliegen dabei weg.) Ich helfe ihnen dabei. Ab und zu singen ein oder zwei Frauen bei der Arbeit, das ist dann immer sehr gemütlich, draußen zu sitzen und nichts anderes zu tun als Karotten zu schälen, Bohnen zu enterbsen oder Brinjal in Stückchen zu hacken. Aber manchmal kommt eine alte Frau und kritisiert grundlos so lange meine Schnippeltechnik, bis ich ihr das Messer gebe weil ich merke: ich nehme da gerade jemandem den Arbeitsplatz weg… und das ist ja nicht der Sinn der Sache. Dann setze mich zu den Männern. Die Männer arbeiten gar nichts. Sie sitzen den ganzen Tag herum, sie waschen nur ab und zu ihre Kleider und sich selbst. Nur ein Mann ist sehr fleißig und ordentlich und will immer mithelfen, weiß aber, dass er als Mann kein Gemüse schneiden darf. Also tut er alles, was er eben darf und hilft den Frauen die Säcke mit neuem Gemüse auf die Terasse zu tragen, bringt den Müll raus wenn er voll ist, und erledigt kleine Aufträge, die ihm die Frauen erteilen. Einmal kam ich auf die Terrasse, da war er gerade ganz eifrig dabei, den Wald zu kehren. 
Direkt neben dem Oldagehome- Haus, befindet sich ein niedriges Steinflachdach (in dem Haus wohnen einige Männer, die ja nicht im Gruppenzimmer mit den Frauen schlafen können) auf dem die alten Leute bei schönem Wetter gerne sitzen und reden. Dort legen sie auch ihre Wäsche zum trocknen aus oder sie legen roten Chilli auf Plastiksäcken zum trocknen aus. Und dort trifft man den ordentlichen Mann oft an wie er gerade seine Wäsche faltet. Ich mag ihn sehr, leider kann ich ihn nie lange anschauen, weil es meinen Blick früher oder später doch immer wieder auf seinen langen, verfaulten Eckzahn zieht.
Alle alten Leute haben irgendwelche verfaulten Zähne oder dicken Zahnbelag oder eingewachsene Fußzehen… oder einen ganz roten Mund- ich dachte auch erst von Blut, aber nein von Betel. Die alten Leute fragen mich immer nach 2 Rupien für „Mitai“ also Süßigkeit und sagen dann sie werden es auch niemandem sagen, dass ich ihnen 2 Rupien gegeben hätte. Ich habe jetzt mal dem lieben verspielten Opa was gegeben um zu sehen, was er sich kauft. Ich dachte an Bonbons oder schockoriegel aber nein: Die alten Leute gehen zum Dorfkiosk und kaufen sich Blätter! Betel Blätter. Die Frauen haben immer in ihren Sariunterröcken ein Stoffsäckchen voller Samen und Harzbrockchen und Blättern stecken. Raffiniert wo die immer Sachen aus ihren Saris hervorzaubern! Ihr Geld haben sie in ihrer Bluse und holen es immer beim bezahlen aus ihrem Ausschnitt und verheiratete Frauen haben ja immer eine lange Goldkette an, daran hängen sie immer ein oder zwei Sicherheitsnadeln, falls der Sari rutscht. Hmmm.. noch was über die alten Frauen hier: Sie haben alle noch lange Haare. Und wenn sie sich gewaschen haben und sich ihre meterlangen, weißen, nassen Haare kämmen und dann flechten, stelle ich mir immer vor, wie sie wohl vor 50 Jahren ausgesehen haben..
Das Sprachproblem, leider sprechen die alten Leute alle nur Tamil: Eine alte Frau mit blauen Augen und ganz faltigem Gesicht wollte mir etwas sagen. Ihre kleine Zunge war ganz rot vom Betel. Sie strahlte mich mit ihrem zahnlosen Mund so lieb an! Ich hätte sie gerne verstanden und mich mit ihr unterhalten und sie gefragt, was sie für einen Beruf gelernt hat, als sie jung war und woher diese ganzen bis zur Unkenntlichkeit zerknitterten Tatoos auf ihren Armen kommen!! Nur eine Frau spricht englisch, Lilavadi. Sie hat sich alle namen ihrer Kinder auf die Arme tatowiert und sie war Köchin. Sie saß diese Woche immer mit ihrer James-Bond-Sonnenbrille auf ihrem Bett in ihrem dunklen Zimmer, weil sie gerade eine Augenoperation hinter sich hatte und darum sehr Lichtempfindlich war.
Vormittags gab es Tee, Mittags Mittagessen, Nachmittags Tee und Abends Abendessen.
In der Freizeit, also zwischen den Mahlzeiten spielte ich mit dem ordentlichen Opa, der nämlich auch sehr verspielt ist Ball mit meinem Häckisäck. Die 5-jährige Amur, die Tochter einer Frau vom Frauenhaus, die zur selben Zeit wie ich eine Woche nach Gudalur zum mithelfen gekommen war, spielte auch immer mit, sie war der Balljunge und rannte, wo der Opa nicht konnte. Außerdem hat Amur einen kleinen Bruder mit lackierten Fußnägelchen namens Abishek, auf den ich ab und zu aufpasste.







Einmal kam ich aus der Stadt zurück (ich war eine Stunde im Internetcaffee gewesen) und es rannten mir 2 alte Frauen entgegen. Ich war ganz begeistert, weil ich sie noch nie schnell laufen gesehen hatte und sie zogen mich mit und ich rannte gern mit. Es stellte sich aber heraus, dass das etwas einmaliges war. Alle alten Leute standen im Hof und lachten und feuerten sie an: Es ging darum, dass diese beiden Frauen mehr Sport machen sollten, allerdings drehten sie nach 10 metern schon wieder um und rannten zurück. Schade eigentlich, ich wäre gerne mit ihnen weitergejoggt oder wenigstens spazieren gegangen.


Ooty


Ach ja, hier wohne ich uebrigens in Ooty!


In Ooty gibt es viele Teeplantagen.

Wenn die Kinder mir Blumen schenken, dann denke ich mir: Wenn sie mich so mögen, dann bin ich wohl gerade eine gute Lehrerin. Wenn die Kinder im Unterricht anfangen, Klatschspiele zu spielen, dann denke ich mir: Wenn die Kinder mich so ignorieren, dann bin ich wohl gerade eine schlechte Lehrerin. Aber das Schönste für mich ist, wenn ein Schüler, der mich zuerst ignoriert hat (zum Beispiel Arbeitsaufträge einfach nicht gemacht hat) und hinter meinem Rücken gelacht hat (und dachte, ich merke das nicht) mich auf einmal mit Blumen überhäuft und anfängt, hinter meinem Rücken seine Mitschüler zu tadeln wenn sie laut sind! 

Zur Zeit bin ich öfter mal zum Beispiel darauf vorbereitet, in die 5. Klasse zu gehen und dann ist aber gerade die 2. Klasse ohne Lehrer und ich springe dort ein. Ich müsse auch nicht unterrichten sondern könnte die Schüler auch nur beaufsichtigen. Wenn ich nur etwas vorbereitet habe, was man nur mit schon etwas älteren Kindern machen kann heißt das, ich muss irgendwas improvisieren, allerdings ist das immer so locker mit dem Hintergedanken, dass ich auch einfach nur beaufsichtigen könnte, wenn ich wollte. Und so habe ich heute das erste Mal ausprobiert mit den Karten, mit denen sie immer im Englischunterricht lernen, zu arbeiten. Ich habe Lesekarten genommen, immer an einen Gruppentisch 2 gleiche Karten verteilt und sie sollten dann lesen üben. Sie machten gut mit, so machen sie das ja immer. Wenn sie meinten sie können es gut, kamen sie zu mir vor und lasen mir gemeinsam (und ich achtete darauf, dass sie es gemeinsam tun) den Text vor, ich fragte sie ein paar Verständnis-Fragen zum Text, und wenn sie verstanden was sie da gerade gelesen hatten, bekamen sie die nächste Lesekarte. In der letzten halben Stunde ging ich mit ihnen raus, ich hatte meinen Fußball mitgebracht. Ich sagte ihnen, sie sollen einen Kreis bilden und sich den Ball gegenseitig zuspielen, aber sobald der Ball aus dem Kreis flog, jagten alle Jungs hinterher und die Mädchen blieben stehen. Als ich sagte, spielt euch gegenseitig ab, auch den Mädchen, hörte ich einen Jungen auf Tamil sagen: Nein, die Mädchen nicht. Da nahm ich den Jungen den Ball weg, auch wenn sie mehr waren als die Mädchen und erklärte ihnen, dass jetzt nur die Mädchen mit dem Ball spielen, die andere Hälfte der Zeit sind dann die Jungs dran. Die Mädchen warfen sich den Ball lieber zu als ihn zu kicken, also erklärte ich ihnen Baggern und Britschen. Immer wenn der Ball aus dem Kreis flog rannte von irgendwoher ein Junge an und wollte ihn holen, ich scheuchte ihn weg und sagte ihm, dass jetzt nur die Mädchen dran seien. Das fanden alle lustig. Ich achtete auf die Zeit und am Ende rief ich die Jungen zusammen, dass sie jetzt Fußball spielen dürften.

Erklärung: Das Karten (in Kasten ) System in Tamil Nadu

Eine Lehrerin hat mir das jetzt mal erklärt, warum die Schüler keine Schulbücher haben: Vor 4 Jahren wurde in Tamil Nadu (und sonst nirgends in Indien) das Kartensystem eingeführt.
Das bedeutet, die 5. Klasse ist die einzige Klasse, die Schulbücher hat. Für die anderen Klassen gibt es Schulbücher, aber nicht alle haben eins und es wird auch so gut wie nie verwendet. Die Lehrerinnen nehmen es nur manchmal um einen Rhyme oder Text daraus zu lesen. Auch mit den Lehrern ist es anders. Es gibt keine Klassenlehrer mehr, sondern für jedes Fach kommt ein Fachlehrer in die Klasse, ein Fach wird immer einen ganzen Tag lang unterrichtet. Die Fünftklässler haben die Schulleiterin als Klassenlehrerin.


Das Klassenzimmer der Fuenftklaessler!

Es gibt in jedem Klassenzimmer, außer dem der Fünften, ein kommodenhohe Regale mit Plastikkästen darin, in denen die Karten liegen. Für jedes Unterrichtsfach, Mathematik, Tamil, Social Science, Science, English, gibt es ein Din A4 Poster, mit einem Spielfeld darauf. Es gibt einen Start und ein Ziel, und jedes Spielfeld zeigt ein Symbol und eine Nummer, das gibt die Karte an. So sind zum Beispiel auf dem Mathematik-Poster als Symbole lauter verschiedene Vogelarten (Rabe, Eule,..) und für Englisch lauter Fahrzeuge (Auto, Bus,…). Wenn man eine Karte sucht, schaut man auf das Plakat, und sucht dann den Kasten mit dem jeweiligen Symbol, und dann in dem Kasten die Karte mit der jeweiligen Nummer. Auch das Notensystem ist hier anders: Hier gibt es „Prozente“ von der Gesamtpunktzahl. Ab 75% ist man recht gut, es kommt natürlich auf die Bewertung an. Und ich wurde von einer Lehrerin gefragt, wie gut ich in der Schule war. Ich wusste nicht wie ich „wie gut“ erklären sollte, und sie meinte, ja wo ich im Vergleich zur Klasse auf der „Rangliste“ stand. Hier wird immer der Klassenbeste, Zweitbeste, Drittbeste,… bestimmt.







Puja, ein Fest das jeden Monat bei Vollmond gefeiert wird...So sieht das Frauenhaus von innen aus und so auf dem Boden sitzend esse ich immer!